Wirtschaft: Tarifbindung und Lohnquote in Berlin
Berlin () – Der neue Aktionsplan der Bundesregierung zur Stärkung der Tarifbindung basiert nach Einschätzung des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) auf einer fragwürdigen Grundannahme. Das berichtet das „Handelsblatt“ unter Berufung auf ein Gutachten des IW.
Das Gutachten kommt zu dem Schluss: Mehr Tarifverträge führen nicht automatisch zu einer höheren Lohnquote – also einem größeren Anteil der Arbeitnehmer am Volkseinkommen. Damit stellt das arbeitgebernahe Institut eine zentrale Hoffnung hinter dem Vorhaben infrage, das die Tarifabdeckung von derzeit knapp 50 Prozent auf die EU-Zielmarke von 80 Prozent heben soll.
IW-Ökonom Christoph Schröder belegt seine These mit einem Vergleich von mehr als 20 europäischen Ländern. Frankreich kommt demnach auf nahezu 100 Prozent Tarifabdeckung, Deutschland auf 49 Prozent, Estland auf weniger als ein Prozent – die Lohnquoten der drei Länder liegen trotzdem nah beieinander. Umgekehrt haben die drei Länder mit der höchsten Lohnquote – Lettland, Kroatien und Frankreich – eine Tarifabdeckung, die zwischen 33 und fast 100 Prozent schwankt. Auch der historische Blick liefert kein anderes Bild: In Dänemark stieg die Tarifgeltung zwischen 2002 und 2018 deutlich, die Lohnquote sank trotzdem um sechs Prozentpunkte; in Großbritannien und Estland verlief es genau umgekehrt.
Fazit der Studie: Die politische Hoffnung, über mehr Tarifbindung die Verteilung zwischen Arbeit und Kapital spürbar verschieben zu können, sei empirisch nicht gedeckt. Die Lohnquote sei weniger das Ergebnis von Tarifverhandlungen als von Produktivität, Kapitalintensität und wirtschaftlicher Dynamik. Die deutsche Lohnquote liegt laut IW bei 70 Prozent – und damit höher als in Ländern, in denen bereits mehr als 80 Prozent der Beschäftigten nach Tarif bezahlt werden.
| Text-/Bildquelle: | Übermittelt durch www.dts-nachrichtenagentur.de |
| Bildhinweis: | Arbeiter Gleisanlage (Archiv) |
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Wirtschaft - Was ist passiert – was dahinter steckt
Was ist passiert?
- Die Bundesregierung will mit einem neuen Aktionsplan die Tarifbindung stärken und die Tarifabdeckung von knapp 50 Prozent auf 80 Prozent erhöhen
- Das arbeitgebernahe IW bezweifelt die Annahme, dass mehr Tarifverträge automatisch zu einer höheren Lohnquote führen
- Ein Vergleich mehrerer europäischer Länder und historische Entwicklungen zeigen laut Gutachten keinen klaren Zusammenhang zwischen Tarifabdeckung und Lohnquote
Warum ist das wichtig?
- Der Aktionsplan zur Stärkung der Tarifbindung könnte auf einer falschen Annahme beruhen, weil mehr Tarifverträge laut IW nicht automatisch zu einer höheren Lohnquote führen
- Empirische Vergleiche zeigen, dass Länder mit sehr hoher oder niedriger Tarifabdeckung teils ähnliche Lohnquoten haben, sodass Tarifverhandlungen offenbar nicht der entscheidende Faktor sind
- Für die erwartete Verschiebung der Verteilung zwischen Arbeit und Kapital liefert die Studie keine eindeutigen Belege, da Lohnquote eher von Produktivität, Kapitalintensität und wirtschaftlicher Dynamik abhängt
Wer ist betroffen?
- Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland, deren Lohnentwicklung durch Tarifbindung und Tarifabdeckung beeinflusst werden soll
- Arbeitgeber und Tarifpartner in Deutschland im Zusammenhang mit der geplanten Ausweitung der Tarifbindung
- Beschäftigte bzw. Länder in Europa im Vergleich zu Deutschland (u.a. Frankreich, Estland, Lettland, Kroatien)
Zahlen/Fakten?
- Tarifabdeckung derzeit knapp 50 Prozent, EU-Zielmarke 80 Prozent
- Frankreich nahezu 100 Prozent Tarifabdeckung, Deutschland 49 Prozent; Estland weniger als 1 Prozent
- Lohnquote Dänemark sinkt um 6 Prozentpunkte (2002 bis 2018)
Wie geht’s weiter?
- Das IW-Gutachten stellt infrage, dass mehr Tarifverträge automatisch zu einer höheren Lohnquote führen
- Die Lohnquote werde eher von Produktivität, Kapitalintensität und wirtschaftlicher Dynamik bestimmt, nicht primär von Tarifverhandlungen
- Damit sei die Hoffnung, die Verteilung zwischen Arbeit und Kapital durch höhere Tarifbindung spürbar zu verändern, empirisch nicht belegt
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